Hintergrund

Sie sind interessiert an Hintergründen und weiteren Gedanken zum Thema Film – Schule – Vermittlung? Hier erfahren Sie, auf welchen Grundlagen
der „minimalfilm“-Wettbewerb entwickelt wurde und erhalten Anregungen zur Filmvermittlung.

Bewegtbild-Alphabetisierung

In unserer Informationsgesellschaft ist ein grundlegender Wandel dessen im Gange, was wir „Alphabetisierung“ nennen. Neben der Schriftlichkeit hat sich die universelle Sprache des Bewegtbildes etabliert. Nach über einhundert Jahren Film beherrscht sie – nunmehr verselbständigt – als Leitmedium über die digitalen Medien unser aller Wahrnehmung. „Alphabetisierung“ muss daher heißen, die Schlüsselkompetenz „Bewegtbild“ tief in Schulen und anderen Bildungsinstitutionen zu verankern. Bereits 2003 konstatierte Kulturstaatsministerin Christina Weiss eine „gesamtgesellschaftliche Film-Leseschwäche“ – leider hat sich seitdem nur wenig getan. Es gibt zwar Initiativen wie das bundesweite Netzwerk für Film und Medienkompetenz „Vision Kino“ sowie immer mehr Material für Schulen in Bezug auf die Filmrezeption. Allerdings weisen Erziehungswissenschaftler wie Fred Schell, Dieter Baacke  oder Bernd Schorb schon seit den 1980er-Jahren darauf hin, dass Medienkompetenz immer auch Mediengestaltung umfassen muss, also in Bezug auf Bewegtbild: aktive Filmarbeit.

Aspekte der Filmvermittlung

Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, Medienpädagogik in verschiedene Aspekte aufzuteilen. Ich schlage eine Aufteilung in folgende Aspekte vor:

  1. „Verständnis“ (Grundlagen der Filmsprache)
  2. „Rezeption“ (kritische Deutung und Einordnung)
  3. „Erprobung“ (erste, geführte Schritte in aktive Filmarbeit)
  4. „Produktion“ (freie, künstlerische Darstellung eigener Aussagen)

Der bewusste rezeptive wie aktive Umgang mit Film insgesamt fördert die intensive Auseinandersetzung mit der Welt. Insbesondere, weil der kritische Umgang mit Medien auf gestalterischer wie inhaltlicher Ebene Fragen aufwirft, die man sich bei der eigenen Herstellung aus anderer Perspektive ebenso stellen muss – Kontextualisierung und Reflexion über Gesehenes und Geschaffenes ergänzen sich.

Gerade der dritte Aspekt „Erprobung“ ist ein eher vernachlässigter Aspekt der Filmvermittlung. Er initiiert den komplexen Erkenntnis- und Aneignungsprozess praktischer Techniken und Erfahrungen, der zwischen kritischer Rezeption und eigenständiger, kompetenter Produktion liegt.

Film & Schule?

Seit dem Schuljahr 2016/17 ist der Bereich „Film“ verstärkt im Bildungsplan von Baden-Württemberg präsent. Allerdings werden die Curricula der einzelnen Jahrgänge aufbauend umgesetzt, d.h., Schüler, die heute in der 7. Klasse sind, werden bis zum Ende ihrer Schullaufbahn nichts davon mitbekommen. Das Curriculum für die 12. Klassen wird erstmals 2021 überhaupt angewendet. Zudem ist das Thema „Film“ in eine „Leitperspektive Medienbildung“ eingebettet, deren Schwerpunkt auf dem kritischen Umgang mit der „Mediengesellschaft“, dem Internet, etc. liegen. Zudem haben, was aktive Filmarbeit angeht, viele Lehrer Hemmungen, da die Schüler kompetenter als sie selbst zu sein scheinen und das Filmemachen, bzw. der Weg dorthin als zu komplex für den Unterricht angesehen wird. Unseres Erachtens ist die scheinbare Kluft zwischen „Rezeption“ und „Produktion“ ein Hauptgrund für die zu seltene aktive Filmarbeit an Schulen (und anderswo).

 

Der „minimalfilm“-Wettbewerb

Das Format „Minutenfilm“ ist mittlerweile weltweit verbreitet. Verschiedene Wettbewerbe und Festivals feiern die „kurze Form“ des Bewegtbildes.

Als Thema für die Medienpädagogik hat der französische Filmemacher und Pädagoge Alain Bergala den Minutenfilm ins Spiel gebracht. Als Berater von Kulturminister Jack Lang hat er einen landesweiten Wettbewerb mit extremen Bedingungen initiiert. In Anlehnung an die ersten Filme der Brüder Lumière waren diese:

  • exakt eine Minute Dauer
  • keine Kamerabewegung
  • keine Nachbearbeitung/Schnitt
  • ein einziger Take

Hatten sich die Teilnehmer überlegt, was sie genau wo und wann aufnehmen wollten, wurden Vertreter des Ministeriums dorthin bestellt, um den „magischen Moment“ des Belichtens zu bezeugen und das Material sofort nach der Aufnahme entgegenzunehmen.

Bergala ging es um eben diesen höchst angespannten, besonderen Moment und die Qualität, die diesem innewohnt, als Kernidee von „Kino als Kunst.

Nachdem wir im Jugendhaus Mitte zweimal das Format in abgewandelter Form im Rahmen unseres jährlichen „Klappe!“-Festivals ausprobiert hatten, kam die Idee, einen Wettbewerb für Jugendliche zu starten. Aufgrund der heutigen Technik und unserer niedrigschwelligen Variante bietet sich das Format wirklich für alle an. Die Preiskategorien „spannendste Geschichte“, „originellste Idee“ und „coolste Perfomance“ bilden dabei die Hauptansätze des Filmemachens ab: Spielfilm, Experimentalfilm und Dokumentation.

Ein Wettbewerb für ALLE Jugendlichen

Die erste Idee war, den Wettbewerb nur über die Schulen zu verbreiten. Doch dann fiel uns auf: Alle Jugendlichen erreichen wir so nicht. Viele haben zum Beispiel mit Behinderungen zu leben, die den Besuch einer normalen Schule nicht zulässt. Andere sind geflüchtet, jetzt aber hier in Stuttgart. Also werden wir versuchen, über diverse Partnerinstitutionen wirklich potentiell ALLE Jugendlichen anzusprechen – desto vielfältiger werden die Ergebnisse, und desto intensiver der Austausch über „besondere Momente“.

Eine Technologie, die oft eher kritisch betrachtet wird, wandelt sich in ein vielfältiges künstlerisches Ausdrucksmittel - Jugendliche werden von Konsumenten zu Produzenten.

Anregungen Aktive Filmarbeit

Seien Sie mutig. Sie müssen nicht das komplette Know-How drauf haben, um aktive Filmarbeit in Ihren Unterricht einfließen zu lassen.

Besser, sie „aktivieren“ die Smartphones der Schüler und nutzen sie zu diversen gestalterischen Zwecken. Der wesentliche Schritt besteht darin, vom „Irgendwas irgendwie aufnehmen“ zum bewussten Gestalten zu kommen. Auch unsere Tutorials eignen sich als erster Einstieg.

Einige Beispiele zu „erprobender“ aktiver Filmarbeit:

- Themen-Hausaufgabe: Seid aufmerksam und nehmt mit eurem Smartphone Situationen, Bilder, Eindrücke auf, die für euch mit dem Thema zu tun haben. Die Bilder müssen nicht KONKRET sein. Themenbeispiele: Gewalt, Umweltverschmutzung, Typisch Frau/Mann, etc.

Im Unterricht können die Aufnahmen als Grundlage für Gespräche und weitere Arbeit sein.

  • Physikalische oder chemische Experimente lassen sich in Zeitlupe oder Zeitraffer aufnehmen – die Aufnahmen können danach analysiert werden.
  • Medienproduktion: Wie entsteht ein Krimi? Der SWR bietet eine sehr gute, extra für Schulen aufbereitete Einführung an – inklusive Materialien zu aktiver Arbeit:
    http://www.planet-schule.de/tatort-film/

Sie können sich auch auf den Minutenfilm-Wettbewerben umschauen. Hier gibt es viele preisgekrönte Mini-Filme zu vielen Themen. Sie können dann im Unterricht beim Thema anknüpfen, aber auch auf die filmische  Umsetzung eingehen:

Außerdem können Sie natürlich für Anregungen, Projekte, etc. jederzeit mit uns Kontakt aufnehmen. Wir unterstützen gerne aktive Lehrer und Pädagogen bei Filmprojekten jeder Art.

Hier noch zwei sehr empfehlenswerte Schriften zum Thema aktive Filmarbeit:

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